Worum es geht: Ein Beteiligungsprojekt, kein Bezirksbefehl
Wer in den vergangenen Monaten in der Bleichergasse vorbeigekommen ist, hat es vielleicht mitbekommen: Ein paar Flugblätter im Auslagenfenster und wieder ein Posting. Tenor: Hier werde der Bezirksbevölkerung eine Fußgängerzone „aufgezwungen“. Wer schon länger im Neunten lebt, kennt das Muster — eine ähnliche Aufregung gab’s vor einigen Jahren rund um die Servitengasse, die heute übrigens als sehr beliebte Fußgängerzone gilt.
Bevor wir uns die Bleichergasse genauer ansehen, lohnt sich ein Schritt zurück: Was ist das Klimateam überhaupt — und wer entscheidet da eigentlich was?

Das Wiener Klimateam in fünf Sätzen
Das Wiener Klimateam ist ein Beteiligungsprojekt der Stadt Wien, das es seit 2022 gibt und seit 2024 dauerhaft etabliert ist. Bewohner:innen schlagen Klimaprojekte für ihren Bezirk vor — von der einzelnen Baumscheibe bis zum großen Verkehrskonzept. Die Vorschläge werden von Fachleuten der Stadt auf Umsetzbarkeit geprüft. Anschließend entwickeln die Ideengeber:innen mit Expert:innen daraus konkrete Projekte. Und am Ende entscheidet eine geloste Bürger:innen-Jury des jeweiligen Bezirks, welche Projekte tatsächlich umgesetzt werden.
Wichtig: Die Mitglieder dieser Jury werden per Los aus der Wohnbevölkerung gezogen — nicht von einer Partei nominiert, nicht durch Online-Anmeldung selbst-selektiert. Das ist Absicht: Damit sollen auch jene Stimmen vorkommen, die sonst bei Bezirkspolitik typischerweise nicht in der ersten Reihe sitzen.
Der Alsergrund und das Klimateam
Der Alsergrund war im dritten Durchgang des Klimateams dabei (gemeinsam mit Meidling und Rudolfsheim-Fünfhaus). Eingebracht haben die Alsergrunder:innen knapp 500 Ideen. Daraus wurden in mehreren Werkstätten konkrete Projektentwürfe — und am Ende standen sieben Projekte, die die Bürger:innen-Jury für die Umsetzung ausgewählt hat. Finanziert werden sie zu 100 Prozent von der Stadt Wien.
So funktioniert das Klimateam
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- Ideen einreichen — online, per Brief oder bei Aktionstagen vor Ort
- Prüfung durch Fachabteilungen der Stadt Wien
- Ideenwerkstatt — Bewohner:innen und Expert:innen sortieren und priorisieren
- Projektwerkstatt — aus Ideen werden umsetzbare Pläne
- Bürger:innen-Jury — per Los gezogene Bewohner:innen entscheiden über die Umsetzung

Die sieben Klimateam Projekte am Alsergrund
1. „Durchatmen am grünen Tor“ — Bleichergasse Das neueste Projekt. Hier wurde eine breite Begrünung gefordert, ebenfalls wurden ganz viele Projekte eingereicht, die großflächlige Fußgänger:innenzonen vorsehen würden. Nun liegt das Ergebnis für die Endumsetzung vor: Die Bleichergasse zwischen Nußdorfer Straße und Fluchtgasse wird zur Fußgänger:innenzone umgestaltet – sechs neue Bäume, ein Trinkbrunnen, Sitzgelegenheiten, rund 120 Quadratmeter Grünfläche. Radfahrer:innen dürfen weiterhin durch, Autos nicht.
2. „Das grüne Tor zur Vereinsstiege“ Begrünung der denkmalgeschützten Vereinsstiege — Trinkbrunnen, Sitzgelegenheiten, Pflanzen. Heikel wegen Denkmalschutz, deshalb mit längerer Vorlaufzeit.
3. Neue Radroute durch den Alsergrund Geprüft und (sofern machbar) umgesetzt wird die Verbindung vom Donaukanal zur MedUni.
4. Energiegemeinschaft Alsergrund Eine lokale Energiegemeinschaft soll erneuerbar erzeugten Strom direkt an Alsergrunder:innen weitergeben können – eine Idee, die in vielen Wiener Grätzeln gerade Schule macht.
5. Begrünung Sanatorium Hera-Umfeld Das Areal rund um die Hera bekommt mehr Grün und neue Aufenthaltsqualität.
6. Schnell durchs AKH Prüfung einer Durchfahrtmöglichkeit für Radfahrer:innen durchs AKH – schnell und effizient.
7. Radroute Börse -> Servitenviertel Schnellverbindung via Rad zwischen Börse und Servitenviertel soll geprüft werden. Somit muss nicht immer auf den Donaukanal ausgewichen werden.
Mehr zu den Wiener Klimateam Projekten am Alsergrund finden Sie hier!
Zurück zur Bleichergasse: Was ist da eigentlich los?
Die Bleichergasse-Idee stammt nicht aus dem Bezirksamt, nicht aus einem Parteibüro und nicht aus einer Beamtenstube. Sie kommt aus einer Lokalen Agendagruppe – konkret dem Grätzllabor Alsergrund, einer Initiative von Bewohner:innen, die sich seit Jahren mit der Aufenthaltsqualität in dem Eck zwischen Nußdorfer Straße und Pichlergasse beschäftigt. Der Vorschlag „Durchatmen am grünen Tor“ wurde im Klimateam zu einem konkreten Projekt weiterentwickelt – und von der gelosten Bürger:innen-Jury aus mehreren konkurrierenden Vorschlägen ausgewählt.
Das ist genau das Gegenteil eines Top-Down-Beschlusses: Bewohner:innen schlagen vor, Bewohner:innen entscheiden, der Bezirk setzt um.
Was ist an der Kritik dran – und was nicht
Bei allen Umgestaltungsmaßnahmen im öffentlichen Raum muss viel mitberücksichtigt werden: Lärmbelastung während der Bauphase, Barrierefreiheit, sowie die lokale Wirtschaft. Es gibt keinen Anlass zu befürchten, dass eine Komponente hier außer Acht gelassen wurde. Speziell beim letzten Punkt, immerhin sind die Unternehmer:innen am Alsergrund gut vernetzt und gut vertreten.
Was hingegen an der Realität vorbeigeht, ist der Vorwurf, das Projekt sei „undemokratisch“. Über das Wiener Klimateam wurde — Phase für Phase — niedrigschwellige Beteiligung organisiert: Online-Plattform, Aktionstage im Grätzl, offene Werkstätten, am Ende eine geloste Jury. Wer eine andere Idee hatte, konnte sie einreichen. Wer einen anderen Vorschlag besser fand, konnte sich in der Werkstatt einbringen. Dass am Ende eine Auswahl getroffen werden muss, weil das Budget endlich ist, gehört zu jeder demokratischen Entscheidung dazu.
Zum Vergleich: Bei der Servitengasse waren die Stimmen vor der Umstellung ähnlich laut. Heute lobt sogar ein Großteil der ursprünglichen Skeptiker:innen die neue Aufenthaltsqualität — Fußgänger:innen mit Rollator kommen wieder durch, Schanigärten boomen, das Grätzl ist sichtbar lebendiger geworden.
Was im Mai Konkret passiert
Mitte Mai starten die Bauarbeiten. Wer in der Bleichergasse wohnt oder dort ein Geschäft hat, sollte mit zwei Monaten Bauzeit rechnen. Die Bezirksvorstehung hat angekündigt, Anwohner:innen und Gewerbe vorab im Detail zu informieren. Wer Fragen oder konkrete Anliegen hat — etwa zur Anlieferung — kann sich direkt an die Bezirksvorstehung wenden.
Und danach? Dann wachsen sechs neue Bäume in einem Bezirksabschnitt, der bisher zu den dichteren Hitzeinseln im Neunten gehört hat. Es gibt einen Trinkbrunnen für die Hundstage, ein paar Bankerl zum Verschnaufen, mehr Platz für Fußgänger:innen. Klingt unspektakulär — und ist es im besten Sinn auch. Klimaschutz im Grätzl beginnt selten mit großen Gesten. Meistens mit ein paar Bäumen mehr.




